Vergängliche Kunst

Lehrer K. unterrichtet Schülerinnen und Schüler einer vierten Klasse an der Primarschule B. in B. Selber leidenschaftlicher Zeichner, zaubert er zur Illustration des aktuellen Lehr- und Lernstoffes „Fliegen wie die Vögel“ vor und während des Schulunterrichts prächtige Kreidezeichnungen an die Tafel. Die Begeisterung ob der natürlichen Wechselausstellung des kreativen Schaffens von Lehrer K. greift von den Lernenden auf Kollegin und Biologielehrerin S. über. Sobald jeweils der beschränkte Platz an der Tafel knapp wird, müssen frühere Werke weggewaschen werden, was bei den Kindern regelmässig Wehgeschrei auslöst. Auch Lehrerin S. findet es jammerschade, dass K. nicht mehr aus seinem Talent macht. An einem Feierabend nach getaner Arbeit nützt sie deshalb die günstige Gelegenheit, betritt das leere Klassenzimmer von K. und fotografiert die vergänglichen Werke, um sie einem Lehrmittelverlag zur Illustration eines im Entstehen begriffenen Lehrmittels gegen Bezahlung anzubieten.

Doch - geht das? Darf sie das? Oder ist Lehrer K. als Urheber auch alleiniger Inhaber der Nutzungsrechte an seinen Kreidewerken? Könnte allenfalls die Schule Ansprüche geltend machen, da K. sie während der Arbeitszeit geschaffen hat? Fragen über Fragen, die ich Ihnen natürlich gerne beantworte.

Das entschieden Charakteristische dieser Welt ist ihre Vergänglichkeit.
Franz Kafka

Art. 27 Abs. 1 URG (Urheberrechtsgesetz) regelt die sog. Panoramafreiheit folgendermassen: «Ein Werk, das sich bleibend an oder auf allgemein zugänglichem Grund befindet, darf abgebildet werden; die Abbildung darf angeboten, veräussert, gesendet oder sonst wie verbreitet werden.» Für die Schneemänner, welche die Viertlässler von Lehrer K. gebaut haben, gilt ebenfalls die Panoramafreiheit, weil sie von Natur aus vergänglich sind.
1968 liess der Kurator Harald Szeemann die Kunsthalle in Bern von Christo und Jeanne-Claude verpacken. Im Juli 1968, zum 50. Jubiläum des Museums, erhielten die Künstler zum ersten Mal die Gelegenheit, ein Gebäude vollständig einzupacken. Kunstinstallationen, wie die verhüllte Kunsthalle in Bern sind urheberrechtlich geschützt, weil sie weder von Dauer noch von Natur aus vergänglich sind.
Das «Recht am eigenen Bild» ist ein Persönlichkeitsrecht und besagt, dass jeder Mensch grundsätzlich selbst darüber bestimmen darf, ob und in welchem Zusammenhang Bilder von ihm verwendet werden. Doch auch diese Regel ist nicht ohne Ausnahme: Das «Recht am eigenen Bild» gilt nicht absolut. Ist der Mensch auf dem fraglichen Bild nicht klar im Fokus, sondern eher «Beiwerk», werden keine Persönlichkeitsrechte verletzt. Es kann auch Situationen geben, in denen eine Verletzung des Rechts am eigenen Bild zwar vorliegt, diese aber begründet und verhältnismässig und somit gerechtfertigt (z.B. Einwilligung oder ein überwiegendes öffentliches Interesse) ist.