Corpus delicti

Die Belegschaft eines Start-up-Unternehmens feiert den runden Geburtstag der Chefin. Das üppige Dessertbuffet zu ihren Ehren lässt keine Wünsche offen. Heisshungrig macht sich der Werber S. an die Auslage, beisst beherzt in ein Stück Schwarzwäldertorte und auf einen unerwartet harten Gegenstand. Eine Perle, wie sich herausstellen sollte. Dabei zerlegt sich ein linker unterer Backenzahn in Stücke. Neben dem Corpus delicti spuckt S. mehrere Zahnfragmente in die Serviette. Ein gefundenes Fressen, erkennt die Hausjuristin P. sofort. In diesem Fall wird die Versicherung den Schaden übernehmen müssen, da S. im fraglichen Nahrungsmittel auf Grund der Zutaten nicht mit dem harten und ungewöhnlichen Gegenstand hat rechnen müssen. Hätte er sich dagegen beim Essen des Dreikönigskuchens an der traditionellen Figur einen Zahn ausgebissen, müsste die Unfallversicherung nicht zahlen. Das Gleiche gilt beim Biss auf eine Dekorationsperle auf einer Torte. Juristin P. liegt mit ihrer Einschätzung richtig.

Hier noch ein Tipp von mir: Sollten Ihnen bei der Nahrungsaufnahme ein ähnliches Ergeignis wiederfahren, bewahren Sie den Fremdkörper – auch wenn es keine Perle ist - auf, damit Sie ihn der Versicherung präsentieren können.

Geschichte ist nichts anderes als die Unfallchronik der Menschheit.
Charles Maurice Talleyrand

Unfall ist die plötzliche, nicht beabsichtigte schädigende Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den menschlichen Körper, die eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit oder den Tod zur Folge hat (Art. 4 ATSG). Das Merkmal der Ungewöhnlichkeit ist eine Frage der Lebenserfahrung und bei der Abgrenzung des Unfalls von sonstigen Ereignissen zentrales Kriterium.
Unfallähnliche Körperschädigungen wie Knochenbrüche, Verrenkungen Muskel- und Sehnenrisse oder Trommelfellverletzungen sind Unfällen gleichgestellt. Mit der Revision des Unfallversicherungsgesetzes per 1.1.2017 werden unfallähnliche Körperschädigungen gem. Art. 6 Abs. 2 UVG auch ohne ungewöhnliche äussere Einwirkung durch die Unfallversicherung gedeckt, sofern sie nicht eindeutig auf eine Erkrankung oder eine Degeneration zurückzuführen sind.
In der Unfallversicherung finden sich verschiedene Einzelbestimmungen, bei welchen Leistungskürzungen auch ohne vorsätzliches Verhalten zulässig sind. Ist das Handeln der versicherten Person als Wagnis (z.B. Risikosport) zu beurteilen, kann die Geldleistung gekürzt oder verweigert werden (Art. 39 UVG und Art. 50 UVV). Ein Wagnis wird eingegangen, wenn sich der Versicherte mit einer kühnen, verwegenen Handlung einer besonders grossen Gefahr aussetzt. Eine Gefahr ist besonders gross, wenn die Situation als „unfallträchtig“ bezeichnet werden muss und die Gefahr unmittelbar drohend, d.h. akut, erscheint. Sie muss nicht unbedingt lebensbedrohend sein (BGE 96 V 100 E. 2 S. 105).